Austellung: Mona-Hakimi-Schüler:Selbstvisionen
Einladung zur Vernissage am4. 9. 2010 um 15 Uhr
im Palais Hirsch, Schlossplatz 2
Begrüßung: Erik Schnatterer
Einführung: Dr. Dietmar Schuth
Ausstellungsdauer: 5.-26.9.2010
Geöffnet Mi-So 13-18 Uhr
Es erscheint ein Katalog.
Die 1977 in Teheran/Iran geborene Künstlerin studierte Kunst an der Universität Os-nabrück und lebt seit 2006 in Leipzig. Die mit internationalen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Malerin sucht in ihren Bildern nach einer genuin weiblichen Identität zwischen alter und neuer Heimat. Dabei stehen politische Aspekte keineswegs im Vordergrund, sondern psychologische und soziale Fragen. Stilistisch verbindet ihre ästhetische Malerei einen poetischen Realismus mit Elementen der arabischen Kalli-grafie und den mythologischen Themen einer vorislamischen Kultur Persiens, wie sie in der wunderschönen Buchmalerei bis heute lebendig ist.
Katalogtext von Dr. Dietmar Schuth:
Der Löwe schlummert
Die 1977 in Teheran/Iran geborene Künstlerin Mona Hakimi-Schüler studierte Kunst an der Universität Osnabrück und lebt zusammen mit ihrem deutschen Mann in Leipzig. Jedes Jahr aber besucht sie ihre alte Heimat, ihre Mutter in Teheran, und erlebt so immer wieder eine Art Kulturschock. Gerade Frauen müssen den Kontrast zwischen einer modernen westlichen und einer traditionellen islamischen Kultur als besonders widersprüchlich empfinden. Das Kopftuch verhüllt die iranischen Frauen in der Öffentlichkeit und entspricht so dem strengen Sittenkodex der Islamisten, der im Westen als Ausdruck der Unterdrückung der Frauen empfunden wird. Wir alle kennen die Kopftuchproblematik, die auch in Deutschland leidenschaftlich diskutiert wird. Im Iran jedoch wird darüber nicht mehr diskutiert. Frauen, die auf der Straße nicht korrekt gekleidet sind, werden von der religiösen Polizei zurecht gewiesen und mitunter sogar geschlagen. Das Kopftuch ist mehr als nur ein Dresscode, es ist zu einem Symbol für eine ganze Gesellschaft geworden, die einem Anachronismus hul-digt, denn schon 1936 hatte der von Großbritannien in Persien eingesetzte Reza Schah Schleier und Kopftuch verboten.
Die mit internationalen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Malerin Mona Hakimi-Schüler sucht in ihrer Serie von Selbstporträts von 2007 nach der genuin weiblichen Identität iranischer Frauen, wobei sie natürlich auch ihre eigene Rolle befragt und sich als eine Stell-vertreterin versteht. Durch die serielle Wiederholung des eigenen Gesichtes in verschiedenen Kopftuchvarianten vor jeweils anderem Hintergrund, werden Nuancen sichtbar. Die iranische Sittenpolizei will Kopftücher sehen, die möglichst den Haaransatz sowie Hals und Schulter bedecken, wie in jenem Porträt mit schwarzem Tuch vor einem mosaizierten Hintergrund (der Wand einer Moschee). Das Porträt im rosafarbenen Mantel mit gleichfarbigen Kopftuch dagegen wäre zu freizügig.
Im privaten Bereich jedoch zeigen die Frauen auch ihre sinnlichen Reize. Eine solche private Szene zeigte der Kunstverein Schwetzingen 2007 in der Ausstellung "Orange" mit einem Bild der Mona Hakimi-Schüler. Unter dem Titel "Glückstraum" malte die Künstlerin ein auf dem Sofa sitzendes, junges Mädchen, das den Betrachter melancholisch anschaute und dabei eine Orange schälte, die sich als Symbol einer chauvinistischen Sexualmoral lesen ließ. Auch die neueren Selbstporträts schauen ernst und changieren in der psychologisch sehr feinen Malerei der Mona Hakimi-Schüler zwischen Trotz und Traurigkeit.
Die Künstler belässt es jedoch nicht bei einer psychologisch und sozial interessanten Selbstbespiegelung. In ihrer Installation von 2009/10 unter dem Titel "Helden-taten" erfasst ihre Arbeit politische Dimensionen, die freilich immer vor dem persönlichen Kontext betrachtet werden wollen, worauf die Künstlerin nachdrücklich Wert legt. Auf dem Boden liegt die Schaumstoffskulptur eines männlichen Löwen, von Speeren durchbohrt, schwer verletzt, vielleicht schon verendet. Über ihm an der Wand sind diverse Zeichnungen zu sehen, die die Ursache seiner Qual andeuten: Soldaten wie auch Demonstranten, Krieg und Revolution. Mona Hakimi Schüler hat beides in ihrer Heimat überlebt, die Islamische Revolution von 1979 und den Iran-Irak-Krieg 1980 bis 1988. Der Löwe symbolisiert das alte Persien, prangte er doch zusammen mit der Sonne über 500 Jahre lang auf der Flagge des Iran, der nun durch den arabischen Schriftzug für ALLAH ersetzt wurde. Auch in den Zeichnungen erscheint der Löwe als Demonstrant oder als Gefangener.
In den ganz aktuell entstanden Gemälden ist der Löwe nicht mehr tot oder tödlich verletzt. Er ist wieder lebendig oder schläft nur, die pessimistische Verzweiflung scheint einem vorsich-tigen Optimismus gewichen. Denn im heutigen Iran setzen die Menschen ihre Hoffnung auf demokratische Reformkräfte, die dort als "grüne Bewegung" bezeichnet werden. In dem großformatigen Bild "Vision" ist diese Situation angedeutet: Im Hintergrund wird eine Plakat-wand mit dem Bildnis des religiösen Oberhauptes, des Ayatollahs Chamenei, mit grüner Far-be überrollt. Ohne sich in die komplizierte Innenpolitik des heutigen Iran zu vertiefen, soll erneut die persönliche Rolle der Malerin im Vordergrund stehen. Denn Mona Hakimi-Schüler versteht sich nicht als primär politische Künstlerin, zumal sie ihre Werke im Iran gar nicht erst zeigen dürfte.
In jenem Bild "eine Vision" erscheint die Künstlerin wieder in Form eines Selbstporträts, mit blauem Kopftuch auf der Straße, eine englischsprachige Zeitung lesend, die mit "Freedom" (Freiheit) titelt. Sie ist umgeben von jungen Menschen, die Bäume pflanzen und so die Hoff-nungen einer neuen Generation ausdrücken. Rechts visioniert sie die Szene einer jungen Familie: Die Frau ohne Kopftuch (!) trägt ein Kind, der Mann kommt vom Einkauf und prä-sentiert eine ganze Schubkarre mit neu aufkeimenden Pflanzen eines fruchtbaren Landes. Mona Hakimi-Schüler malt dieses Bild im Stil der Agitprop-Plakate, wie sie seit der Revolution die Straßen des Landes omnipräsent beherrschen. Ein Stil, der mit dem sozialistischen Realismus in anderen Ländern vergleichbar ist, ein naiver Stil, der eine schöne neue Welt in lieblichen Farben illustriert. Mona Hakimi-Schüler ist mit diesen Bildern aufgewachsen, hat vielleicht auch einmal an ihre süßen Versprechen glaubt, und malt nun im gleichen Stil ihre persönliche "Vision" einer friedlichen Gesellschaft, in der sich ein bürgerliches Leben jenseits von Krieg, Gewalt oder Armut leben lässt.
Ein Bild aus der Serie "stories I live by", das Titelbild dieser Ausstellung, heißt "Erwartung" und zeigt die Künstlerin auf einem Stuhl, die augenscheinlich auf die Erfüllung ihrer legitimen Wünsche und Hoffnungen wartet. Neben ihr schläft erneut der persische Löwe. Über diese sehr direkte und eindeutige Symbolik hinaus erscheint der Hintergrund interessant. In den neueren Bildern verarbeitet Hakimi-Schüler zunehmend Collage-Materialien, vor allem Stoffe mit orientalischen Mustern und Schriftzügen, wobei der Sinn dieser arabischen Schriften, religiöse Verse meist, nur nebensächlich ist. Hinzu kommen Tücher, die im Iran an hohen Festtagen überall aufgehängt werden und islamische Heilige zeigen, ohne Gesicht natürlich, da dies in der religiösen Malerei verboten ist. All das besorgt sie sich auf ihren Reisen nach Teheran oder lässt sie sich von ihrer Mutter nach Deutschland schicken. In dem Bild "Er-wartung" erscheint so ein dekorativer Hintergrund, der das ästhetische Welterbe der islami-schen und persischen Kultur andeutet - die Kalligrafie, die Spitzbogenarchitektur und die geometrische Kunst, die sich in Mosaiken, in Holzschnitzereien oder auf der Keramik so wunderbar und wunderschön bis in unsere Tage erhalten hat.
Auch in den kleineren Bildern dieser neuen Serie interessiert sich Mona Hakimi-Schüler im-mer stärker für die schönen Traditionen ihres Landes. So bildet die alte persische Buchma-lerei eine neue Inspirationsquelle für ihre Malerei. Sie übernimmt die Farben und die Linear-perspektive dieser aus dem Mittelalter stammenden Kunst, wie auch Motive aus der persi-schen Mythologie, einer vorislamischen Tradition also, die im Iran noch heute jedes Kind kennt. So erscheint zum Beispiel nicht mehr nur der heraldische Löwe, sondern ein Schimmel mit rötlicher Mähne. Es ist Rakhsh, das treue Pferd des Nationalhelden Rostam in dem persischen Nationalepos Schahname von Ferdowsi. Beide kämpfen um das Wohl ihres Landes und seiner Menschen wie auch um eine bessere Ordnung der ganzen Welt. Ein weiteres neues, altes Motiv in der Bildwelt der Hakimi-Schüler ist der mythische Vogel Simurg. Mit dem abendländischen Phönix verwandt, ist er ein König bzw. eine Königin der Vögel mit übernatürlichen Kräften, die Menschen wie auch ein ganzes Land beschützen können. Das Auffinden seines Neste verspricht seinem Finder Wahrheit und Selbsterkenn-tnis.
Mona Hakimi Schüler entfernt sich also allmählich von ihren politisch bewegten Selbstvisio-nen und verlässt den plakativen Stil der Agitprop zugunsten einer zunehmend ästhetischen Kunst, die ihr außergewöhnlich schönes Maltalent zur Geltung bringt. Sie löst sich von der vordergründigen Realität und erschließt sich die poetischen Dimensionen der uralten persi-schen Kultur. Die Poesie besiegt die Politik in einer sehr berührenden Installation von 2010, wo ein Vogelkäfig mit Wellensittichen zu sehen ist, wie sie heute noch überall im Iran an den Straßen zu finden sind. Hier verkaufen Kinder kleine Briefe, in denen sich je ein Gedicht des großen persischen Dichters Hafis befindet, der im 14. Jahrhundert lebte. Ein schöner Volks-brauch nutzt seine Verse als kleines Orakel an die Zukunft. Als Zufallsgeneratoren fungieren dabei die Wellensittiche, die jedem Kunden ein Briefchen heraus zupfen. Heute ist diese schöne Tradition leider zu einem Bild des Elends verkommen, denn die Kinder sind meist bettelarm und zeigen, wie groß die wahre Not des Landes ist, dessen Politik sich in ideolo-gischen Kämpfen aufreibt, statt den Menschen endlich Wohlstand und Würde zurück zu ge-ben.












